Vom Malen der Gegenstände. Das Theater der Flaschen und Tüten.

Anmerkungen zu den Bildern von Sabine Christmann - Hans-Joachim Müller, 2011

Flaschen, Taschen, Dosen, Tücher, Tüten, Tütchen. Getreu hält das Werk zu seinen Gegenstandsklassen. Die Handvoll Motive, für die es sich entschieden hat, scheinen Beweggrund genug. Und immer neuer Anlass, die Dinge Ding für Ding zu betrachten, ihre Abstände sorgsam zu bemessen, den leeren Raum zu pflegen, der sie trennt und verbindet. Dass sie doch meist als Gruppe auftreten, ist dazu kein Widerspruch. Gruppe ist nur ein anderes Wort für feinste Abstimmung des Einzelnen. Als Cluster jedenfalls kommen die Gegenstände nicht vor, und an schierer Fülle sind die Bilder der Malerin Sabine Christmann ganz offensichtlich nicht interessiert.

 

So wenig, wie es ihnen um Botschaft und Bericht geht. Aus dem schmalen Inventar lässt sich kein rechter Reim machen. Und man wird, auch wenn man das Stellungsspiel der Dinge, seine Regeln und Abweichungen kennt, nicht sagen können, die Welt von Flaschen, Taschen, Dosen, Tüchern, Tüten, Tütchen aus besser verstanden zu haben. Andererseits scheint das alles nicht zufällig ins Bild gekommen zu sein. Dass die Plastikwasserflasche mit der Aufschrift „Black Forest“ sich eher beiläufig, en passant, in den Plastikwasserflaschenvorrat geschlichen hat, mag schon sein. Dass sie fürs Bild ausgewählt wurde und dort einen prominenten Platz einnimmt, verdankt sie begründbarer Entscheidungen. Niemand sortiert Plastikwasserflaschen, Bierdosen und Likörkölbchen nach Größe, Farbe und Design, staffelt sie auf dem Ateliertisch wie raffiniert verteilte Schachfiguren und malt sie so skrupulös, als säßen lauter anspruchsvolle Modelle vor der Staffelei, wenn die Neugier nur dem Malen an sich und nicht zugleich auch den Gegenständen gälte. Es ist immer eine hilflose Konstruktion gewesen, wenn aus der Sicht der angeblich aufgeklärten abstrakten Kunst die alte Mimesis mit dem Hinweis gerettet werden sollte, dass es doch auch dem gegenständlichen Bild gar nicht mehr um die Gegenstände selber, sondern nur um ihr bildnerisches Ereignis ginge.

 

In diesem Werk jedenfalls ist die Verführung der Gegenstände durchaus stark. Und die Art, wie sie gemalt sind, akribisch im Detail, auf Wiedererkennbarkeit, exakte Abbildhaftigkeit bedacht, lässt schwerlich die Deutung zu, ihre dinghafte Sinnlichkeit habe keine eigene Bedeutung, sei nur Vorwand für die Sinnlichkeit des Malens. Und nirgendwo findet der Verdacht Nahrung, die Malerin lenke in Wahrheit von den Bildgegenständen ab, demonstriere an ihnen bloß ihre maltechnischen Fertigkeiten, meine nicht wirklich ernst, was sie malt. Dass sie ihre kuriose Truppe weder wie Stars noch wie Delinquenten vorführt, heißt ja nicht, dass sie sich von ihr distanzierte - und schon gar nicht, dass die Flaschen, Taschen, Dosen, Tücher, Tüten, Tütchen alle austauschbar wären, und es genauso gut rote, grüne oder gelbe Früchte sein könnten.

 

Es liegen eben keine roten, grünen oder gelben Früchte auf dem Tisch, keine Traditionsrequisiten aus dem Fundus, wie ihn die Kunstgeschichte der Stillleben-Malerei überliefert. Eigensinnig bleiben sie unter sich, die Christmannschen Flaschen und Taschen, zuweilen kommt eine neue hinzu, aber auch mit denen, die schon ihren Auftritt hatten, lässt sich noch allerhand anfangen. Viel Wechsel und Abwechslung geschieht nicht. Immer wieder schaut man in ein vertrautes Flaschengesicht, liest einen Namen, den man auch schon auf einem anderen Bild gelesen hat. Und dass man Namen lesen und gleichsam in Gesichter schauen kann, macht vollends deutlich, dass sich diese gegenständliche Malerei zu ihren Gegenständen bekennt, dass sie diese Gegenstände nicht braucht, um sie zu übermalen, wie es Giorgio Morandi getan hat, und sie unkenntlich zu machen, sie aufzulösen in freie Farbformen, die kaum noch an ihre irdische Herkunft erinnern.

 

Wobei das Gegenstandsbekenntnis dann auch nicht von der Art ist, dass man es als Lob auf Marken und Labels missverstehen könnte. Von den „Brillo“-Boxes eines Andy Warhol, von den „Two cans of Ballantine Ale“ eines Jasper Johns ist dieses Werk weit entfernt. Anders als bei der Nobilitierung des Banalen, mit der die Popart Schlagzeilen gemacht hat, eignet Sabine Christmanns wählerisch zusammengestellten Objekten eine Würde, die sie nicht erst im Bild erhalten. Es hat hier ein feines Spiel mit den Faszinationsgegenständen der Konsumwelt statt, bei dem selbst dem Mineralwasserfläschchen eine Distinktion zukommt, als sei es erst jetzt - ausgetrunken und wiederverschraubt - ganz zu sich gekommen und endlich bereit, der Malerin zu kostbaren Diensten zu stehen. Nicht anders die Einkaufstüte, die keineswegs eine ordinäre Einkaufstüte ist. Auch als gemalte behält sie ihre warenästhetische Auffälligkeit, die sie schon immer hatte. Und erst recht auf den Bildbühnen, wo die Marken und Labels wie auf dem Laufsteg paradieren, erscheint das Tüten-Spektakel von beträchtlicher Attraktion.

 

Man darf sich dem Spektakel getrost überlassen. Und wenn einen die Tüten an besondere Konsumerlebnisse erinnern, an alltägliche Verrichtungen oder kapriziöses Shopping, wenn einem schamhaft einfällt, wie man den flachen Sack mit dem handgeschriebenen Eichendorff-Gesicht einmal für den Salateinkauf entweiht hat, wenn man zu spüren meint, wie die Einkaufstüten an den Armen hingen oder über der Schulter, wie die ovalen Griffschlitze in die Hände schnitten, dann lassen es die Bilder gewähren, haben nichts gegen ihre lebenspraktische Nutzung.

 

Freilich ist damit noch nicht alles gesagt, was es zu sagen gibt, und noch nicht alles gesehen, was es zu sehen gibt. Man hat gelegentlich versucht, die „Welt hinter den Dingen” oder die „Welt in den Dingen” zu entdecken. Irgendein metaphysischer Horizont sollte sich auftun jenseits der gefalteten Papiere, der zerknautschten Plastikbahnen und geriffelten Gläser. Gerade wenn es sich nicht um Nachgeburten der urbanen Folklore handelt, dann müsste doch irgendwo eine Schwelle sein, die man zu übersteigen, ein Eingang, den man zu öffnen hätte. Und schon wäre man drin im Reich der Zeichen, wo die Welt der gemalten Dinge allemal erhaben scheint über die Welt der realen Dinge. Erfolgreich war man bei der Suche nie.

 

Erfolgreicher ist man, wenn man der Malerin noch einmal sehr genau bei ihrer stillen Arbeit zusieht. Es ist Präzisionsarbeit. Alles Spontane, Akzidentielle ist von vorn herein und kategorisch ausgeschlossen. Alles ist bedacht, überlegt, Schritt für Schritt. Wenn Sabine Christmann ins Archiv der Tüten und Flaschen geht, dann kommt sie als Regisseurin. Sie sucht sich gleichsam das Personal für ihr neues Stück. Wer beim Casting bestanden hat, darf auf die Bühne, auf den gläsernen Tisch an der Wand, auf den das Licht vom seitlichen Fenster fällt und die Dinge auf ihm spiegeln lässt. Die räumliche Situation mit der tief liegenden Linie zwischen Wand und Tisch variiert nur minim. Was sich von Mal zu Mal ändert, sind Anordnung und Stellung der Gegenstände. Der Regieplan zielt immer auf beides, auf Isolierung und Bezogenheit. Dem ersten Blick fallen die Abstände auf, die markanten Leerstellen vor allem bei den Flaschen-Sets. Anders als beim Früchte-Stillleben sind die Flaschen und Gläser hier auf Distanz gehalten. Überschneidungen kommen vor, aber sie sind eher die Ausnahme. Bild bestimmend sind die Räume, die die Protagonisten für sich beanspruchen und jeden unübersehbar für sich sein lassen.

 

Und dann geraten die Nachbarschaften in den Blick - wie manche enger stehen und manche abseits, wie der eine alle überragt, und andere sich ducken, wie sich welche vordrängen und welche verstecken, wie der eine das grosse Wort führt und der andere sein Stichwort zu vergessen haben scheint, wie es keinesfalls stimmt, dass sie sich alle in Reih und Glied aufgestellt hätten, wie man auch ohne Bemühung der Metaphysik sagen kann, wem die tragenden Rollen zukommen und wer zu den Statisten zählt. Trockene Litanei ist es nie, nie bloß Abfolge. Von Bild zu Bild herrscht ein anderer Rhythmus. Von Bild zu Bild wird das Stück umbesetzt. Von Bild zu Bild wird eine andere Beziehungsgeschichte erzählt. Und nicht nur von der Körperform der Flaschen her gemahnen die Aufstellungen an Figurenensembles. Viel Phantasie braucht man nicht, um angesichts der Plastikwasserflaschen, Bierdosen und Likörkölbchen an Paare und Passanten zu denken, an lockere Personenverteilung auf Plätzen oder in Foyers. So gesehen hat sich das Werk in Wahrheit der figürlichen, mehr noch als der gegenständlichen Malerei verschrieben.

 

Wenn dann jeder auf der Bühne weiß, wo er zu stehen hat, steht er unverrückbar da, und es steht ihm kein Millimeter Freiheit mehr zu. Die Situationen werden gleichsam eingefroren und haben die ganze, langwierige Bildgenese über Bestand. Es ist eine heikle Balance, die die Malerin vor sich aufgebaut hat. Und wenn sich eine Fliege zwischen den Gläsern niederlassen würde und keine Anstalten machte, das Kunstterrain zu verlassen, dann wäre das eine kleine Katastrophe fürs Bild. Wochenlang sitzt Sabine Christmann vor der fragilen Anordnung, hat ihren Stuhl auf dem Boden markiert, damit sie immer wieder im selben Abstand und im selben Blickwinkel der fragilen Anordnung begegnet und überträgt so Detail um Detail ihre subtilen Flaschen-Geschichten von Isolierung und Bezogenheit ins Bild.

 

Die Tüten-Geschichten sind nicht weniger subtil, und auch sie handeln davon, wie die Tüten jede für sich und wie sie alle miteinander sind. Wohl wahr, dass sie sich breiter machen auf dem Bühnentisch, dass sie näher beieinander sind, dass in der Enge die eine hinter die andere geraten kann, dass sie sich stauen und staffeln. Aber auch in ihrem Stück kommen stolze Hauptdarsteller und Statisten vor, Auffälligere und Unscheinbarere, Grazile und Plumpe, Dralle und Verdrückte, Transparente und Undurchsichtige, solche, die auf ihren Ecken wie auf hochhackigen Schuhen stehen, und andere, die ein wenig plattfüßig anmuten. Alle haben sie ihren Charakter, ihre Eigenart, ihr Gewand. Und fein sind die Gewänder aufeinander abgestimmt, Farben und Schriften zum Layout verfugt. Aber anders als bei den Flaschen ist die Form der Tüten nicht so ohne weiteres gegeben. Zumal bei den Plastiktüten erscheint die körperhafte Ausdehnung weder selbstverständlich noch selbständig. Sie muss kunstvoll hergestellt werden, sollen die Plastikbeutel nicht in sich zusammensinken und Haltung und Lage verlieren. Wenn es bei den Flaschen-Ensembles vor allem um Stellung geht, dann bei den Tüten um Drapierung.

 

Und spätestens hier wird man auf eine Eigenschaft aufmerksam, die alle oder fast alle Bildgegenstände in diesem Werk teilen: Alle sind sie leer, all die Flaschen, Taschen, Dosen, Tüten, Tütchen. Die wenigen Durchsichtigen, die ihren Inhalt der Farbe wegen behalten haben, sind nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Was offensichtlich interessiert, ist nur die Hülle, die Verpackung, der gestaltete, Design gewordene Hohlraum. Das muss eine Bewandtnis haben, dass es über weite Strecken um Behältnisse geht, die nichts behalten haben, um Reste, Teile eines aufgelösten Innen-Außen-Zusammenhangs. Sabine Christmann nimmt, könnte man sagen, den Dingen ihr Gewicht, erreicht so eine für ihre Bilder kennzeichnende Leichtigkeit und Luftigkeit. Die Dinge stehen fest an ihrem Bühnenplatz, und ihre Spiegelungen sind ein Indiz für Stand und Bestand. Und dennoch wirken sie in der Summe wie entmaterialisierter Umschluss der Leere.

 

Wie ja überhaupt viel Leere ist in diesem Werk. Leere Tüten, leere Flaschen, gebauschte Stoffe ohne Körper, um den sie sich schlingen, Leere zwischen den Gegenständen, Leere um die Gegenstände herum. Der Tisch auf dem sie stehen hat keine Begrenzung im Bild, von der angedeuteten Wand wüsste man nicht zu sagen, wie weit sie reicht. Nur dies scheint gewiss, dass der undefinierte Bühnenraum - nach rechts und links, nach allen Seiten hin offen - das Personal ziemlich allein lässt, dass er es nicht eigentlich birgt, dass er ihm viel Leere zumutet.

 

Leere ist Sog. Leere will sich auffüllen. Leere ist kunstvolle Ausgestaltung der heimlichen Geschichten, von denen die Bilder erzählen. Die Malerin pflegt diese Leere, kultiviert die Löcher, die Lücken wie behutsam bewachte Einlassstellen. Anders denn als beständige Aufladung erfährt sie ihre Arbeit ja nie. In jedem neuen Malaugenblick verändern sich die Malbedingungen. Da kann der Tisch mit den arrangierten Sujets noch so unberührt sein, der Malstuhl präzise an seinem Platz von gestern stehen, die Malhand getreulich weiter machen wollen, als habe es keine Unterbrechung gegeben - es ist dann doch immer wieder anders. Das Licht des neuen Tages verändert die Farben, die Situationen, Kunstlicht wetteifert mit Tageslicht, die Gestimmtheit am neuen Tag deckt neue Bezüge auf, und wenn Sabine Christmann auch noch so überzeugt davon ist, ihr Malstück ganz genau zu kennen, es wuchert doch in immer neuen Varianten weiter, füllt sich beständig auf, setzt sich aus unendlich vielen Wahrnehmungsmomenten und Mal-Erfahrungen zusammen. So gesehen ist die aufgereihte Leere der Flaschen-Revue, die aufgereihte Leere des Tüten-Spektakels nichts anderes als die Wirkstätte einer Bildpoesie, die von ihren Gegenständen geradeso wie vom Malen der Gegenstände und vom Erlebnis der gemalten Gegenstände erzählt.

 

Hans-Joachim Müller